bg unterseite 01

Wenn Liebe, Schmerz und Glaube unter die Haut gehen…

„Gott geht unter die Haut“ so lautete das Thema des Gottesdienstes am vergangenen Sonntag in Barbing.

Barbing. Sonntagmorgen in der Pfarrkirche Barbing: vor dem Altar sind Motorradhelme in Form eines Kreuzes aufgereiht, neben Pfarrer Stefan Wissel steht am Altar ein Mitzelebrant im Kirchengewand. Dies wäre auch an und für sich nichts Ungewöhnliches, aber das war es eben doch. Der Gastprediger war evangelischer Diakon und passt wohl nicht in die gewohnte Schublade, in die kirchliches Personal gesteckt wird. Ganz still war es, als der begeisterte Biker und Johnny Cash Fan von seinem Leben und den Tattoos erzählte. Glaube, der sich für alle Zeit tief in seine Haut geprägt hat.

„Erst am Ende kommen Hals und Hände“, heiße es in der Tattooszene, sagte Diakon Rainer Fuchs und erzählt, dass dies die einzigen Stellen seien, die bei ihm nicht tätowiert sind. Der evangelische Diakon, der unter seinen Rockabilly- und Bikerfreunden auch Reverend Ray Fox genannt wird ist, ist bekennender Johnny Cash Fan. Unter dem Talar ist von Tattoos nichts zu sehen, nur wenn er die Ärmel zurückschiebt. Dies sei auch gut so erzählt der evangelische Kirchenmann. Nicht bei jedem Gottesdienst, wie bei Taufen oder Beerdigungen sei es passen diese zu zeigen.

Vor allem ältere Menschen hätten noch Bedenken, das würde er respektieren „Hat der nichts Besseres zu tun, als sich tätowieren zu lassen“, habe die Mutter einer Klassenkameradin seiner Tochter über ihn gesagt.  Oder wie es ein Kirchenvorsteher von ihm mal gesagt habe:  „Sie sind doch so ein netter Mensch, Herr Fuchs, warum lassen sie sich eigentlich so verschandeln“. Kinder hingegen, seien da schon deutlicher, sie schieben auch mal den Ärmel zurück, reiben über die bunte Haut und sagen: „Das geht nicht ab“. „Nein, das geht nicht ab, das bleibt für immer, wie tiefe Wunden und Narben. „Es ist mein persönliches Glaubensbekenntnis. Gewachsen und gereift ab dem Zeitpunkt, als die Zeit reif war. Denn alles hat seine Zeit. Nun trage ich das, was mich ausmacht was mich trägt. Wofür ich stehe. Unauslöschlich lebenslänglich“, so Rainer Fuchs, der seiner Berufung als Diakon folgte.

Die Verbindung zwischen Tattoos und Religion seien nicht zu übersehen, erzählte er und ergänzte, dass die ältesten bekanntesten Mumienfunde mit Tattoos etwa 5300 Jahre alt seien. Die Bibel deute darauf hin, dass auch der Apostel Paulus tätowiert gewesen sein soll, als klares und spirituelles Bekenntnis zum Herrn. Er selbst habe in einer der dunkelsten Stunden, nach der Trennung von seiner ersten Frau, beschlossen, es mit Gotteshilfe ins Positive zu wenden. Diese Gottesbeziehung und die daraus erwachsende Geborgenheit haben ihn über alle Zweifel hinweggetragen – und das mit dem guten Ausgang. Er fand eine neue Liebe und ist heute Vater einer Tochter. Den Glauben trage er nun mit Tattoos auf seiner Haut, für alle sichtbar. Beeindruckend, wie offen und tief er Einblicke in sein Leben und seine Gefühlswelt erlaubt.

Als er anschließend aus einem Kapitel seines Buches „Gott geht unter die Haut – Glauben aus Leidenschaft“ vorlas, hätte man eine Nadel fallen hören, so gebannt lauschten die Gläubigen. Aus seinen Worten hörte man die Leidenschaft und Überzeugung. Rainer Fuchs zeigt buchstäblich mit Leib und Seele: Egal zu welcher Konfession man gehört, egal wo man lebt – Gott geht uns nicht nur an, sondern auch unter die Haut. „Leben tut unterschiedlich weh und tätowieren tut unterschiedlich weh“, je nachdem an welchen Stellen und wie tief die Nadeln stechen. Den Schriftzug „Solus Christus“ habe ihm der Tattoomeister über dem Herzen in die Brust „getackert“ und später folgte die Lutherrose. Jesus beim letzten Abendmahl ziert seinen Rücken, aber auch die Symbole der vier Evangelisten habe er sich stechen lassen.

Für ihn als Diakon durften auch die sieben Werke der  Barmherzigkeit nicht fehlen. „Und wie im richtigen Leben, alles ohne Betäubung, einmalig und nicht wiederholbar. Eine Entscheidung für das ganze Leben“, so Diakon Rainer Fuchs, der auf Einladung von Pastoralassistent Tobias Henrich nach Barbing gekommen war. Der hatte das Buch gelesen und den Diakon persönlich kennengelernt. Dass dieser auf Nachfrage sofort zusagte nach Barbing zu kommen, freute Pastoralassistent Tobias Henrich schon sehr. Als Dankeschön gab es für den wunderschönen ökumenischen Gottesdienst, den Pfarrer Stefan Wissel und Diakon Rainer Fuchs zelebrierten und der Jugendchor unter Leitung von Julia Brüll musikalisch umrahmten, für den Gastprediger eine Torte in Form eines Motorradreifens. „Praktisch wenn der Mesner auch noch Konditormeister ist und wir dir so etwas Besonderes übergeben können“, freute sich Pastoralassistent Tobias Henrich.

Im Anschluss des Gottesdienstes folgte vor der Kirche eine Motorradsegnung und einige Biker, darunter auch Diakon Rainer Fuchs, der mit seinem BMW-Motorrad gekommen war, empfingen von  Pfarrer Stefan Wissel Gottes Segen für allzeit gute Fahrt. Im Anschluss nutzten, vor allem Barbings Bikerfans, die Gelegenheit mit Diakon Fuchs über Gott und die Welt zu philosophiren. Und nicht nur Diakon Rainer Fuchs, auch die Torte ist  heil in München angekommen und Mesner und Konditor Martin Kellnhauser hat viral noch sehr viel Lob von Reverend Ray Fox bekommen. ©Christine Kroschinski